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Legasthenie und Dyskalkulie: Wenn Buchstaben und Zahlen keinen Sinn ergeben

Kommentar schreiben Aktualisiert am 23. Oktober 2015

Wenn die Symbole auf dem Blatt einfach keinen Sinn ergeben: In Deutschland leiden etwa bis zu acht Prozent der Schulkinder an einer Lese-Rechtschreibstörung. Etwa fünf Prozent der deutschen Schulkinder können mit Zahlen absolut nichts anfangen – sie leiden unter Dyskalkulie. Durch eine Diagnose können die Störungen therapiert werden, sodass ein normaler Umgang mit Schrift und Zahlen möglich wird.

Montagmorgen, die Schule beginnt nach dem Wochenende wieder. Für viele Kinder ist das kein großer Grund zur Freude, jedoch das Wiedersehen mit den Klassenkameraden macht dennoch Spaß. Doch manch ein Sprössling mag so gar nicht zurück in das Klassenzimmer. Bauchschmerzen, Übelkeit und Kopfschmerzen setzen vor Schulbeginn ein. Grund dafür können Ängste und Überforderung sein. Gerade wenn das Kind unter einer Lernstörung leidet. Die bekanntesten Vertreter sind hierbei wohl die Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und die Rechenschwäche (Dyskalkulie).

Legasthenie: Probleme beim Lesen und Schreiben

Die Legasthenie ist eine registrierte Erkrankung. Das Hauptmerkmal einer Lese-Rechtschreibstörung liegt nach dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Beeinträchtigung der Lesefähigkeit. Das betroffene Kind liest sehr langsam, stockt häufig und Verliert die Zeile im Text. Außerdem werden häufig Wörter ausgelassen oder dazu gelesen, sowie Buchstaben verdreht. Die Bedeutung des Gelesenen kann beim Vorlesen nur schwer wahrgenommen werden. Fragen zum Inhalt können daher meist nur mit allgemeinem Wissen beantwortet werden. Auch Kinder ohne Legasthenie haben anfangs Probleme beim lauten Vorlesen, doch diese nehmen in der Regel rasch ab.

Beim Schreiben unterlaufen einem Legastheniker viele Fehler. Wörter werden dabei im selben Text immer wieder anders geschrieben, Buchstaben verdreht und auch die grammatikalische Struktur der Sätze ist nicht immer korrekt. Außerdem hat das Kind große Probleme mit Groß- und Kleinschreibung und dem Setzen von Satzzeichen. Durch die Probleme beim Lesen und Schreiben kommt es in anderen Schulfächern häufig zu schlechteren Noten, obwohl das Kind fachlich gut ist. Dabei ist nicht eine geringere Intelligenz die Ursache für die gemachten Fehler.

Legasthenie hat verschiedene Ursachen

Bei der Lese-Rechtschreibstörung spielen verschiedene Faktoren zusammen. Experten sprechen von einer erblichen Komponente, denn Legasthenie tritt in Familien gehäuft auf. Hat ein Elternteil Legasthenie, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind auch eine Lese-Rechtschreibschwäche hat, erhöht.

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Fähigkeit im Gehirn, visuelle und auditive Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten eingeschränkt ist. Dadurch können viele aufeinanderfolgende, ähnliche Buchstaben nur schwer auseinandergehalten und interpretiert werden. Außerdem fällt es einem Betroffenen schwer, das Gehörte (etwa bei einem Diktat) in einzelne Silben und Buchstaben zu unterteilen. So entstehen Fehler beim Schreiben. Ähnlich klingende Buchstaben wie „B“ und „P“ oder „D“ und „T“ können Legastheniker nur schwer unterscheiden.

Diagnose ist der erste Schritt

Für viele Kinder, aber natürlich auch deren Eltern, ist die Diagnose Legasthenie erst einmal ein Schock. Aber nur wenn ein Kinder- und Jugendpsychologe oder –therapeut die Störung erkennt, kann eine geeignete Therapie begonnen werden. Dabei betrachtet er die Leistung des Kindes im Vergleich zu anderen Schülern im selben Alter, redet mit dem Schüler und den Eltern über die bisherige schulische Laufbahn, die Schwierigkeiten, die Ängste und auch die Stärken.

Die gute Nachricht ist: Legasthenie ist keinesfalls unheilbar. Mittels Lerntherapie in speziellen Legasthenie-Zentren kann die Lernstörung überwunden werden. Vor allem Einzeltherapie hat sich als erfolgsversprechend herauskristallisiert.

Dyskalkulie: Wenn Zahlen keinen Sinn ergeben

Doch nicht nur Buchstaben, Wörter und Sätze können ein Problem darstellen, für viele Kinder sind Zahlen ein Buch mit sieben Siegeln. Bei Dyskalkulie fehlt den Kindern das Verständnis für Mengen und die Zählfertigkeit. Die Rechenstörung wird von der WHO als schulische Entwicklungsstörung anerkannt. Die Kinder sind nicht „zu dumm“ um die Grundrechenarten zu erlernen, ihnen fehlt schlichtweg das Verständnis für die Rechenwege. Außerdem können sie Mengenverhältnisse, Abstände oder auch Zeitangaben nicht einschätzen. Fünf Meter – ist das der Abstand bis zum Pult oder bis zur Sporthalle? Die Zahl alleine sagt ihnen nichts.

Das erste Anzeichen für eine Rechenstörung zeigt sich oft in der zweiten Klasse. In einem Bereich bis 20 zu rechnen, ist meist noch kein Problem, da die Kinder die Aufgaben an den Fingern abzählen können. Doch wird der Rechenraum auf 100 erweitert entziehen sich die Aufgaben dem Verständnis. Oft verwechseln Dyskalkuliker Angaben wie „links“ und „rechts“, „oben“ und „unten“ oder „vor“ und „nach“ falsch. Auch das Ablesen der Uhrzeit und der Umgang mit Geld fällt ihnen schwer. Ergebnisse von einfachen Aufgaben werden auswendig gelernt, ganze Einmaleins-Reihen müssen komplett aufgesagt werden um etwa zum Ergebnis von 8 x 7 zu kommen.

Ursachen für Dyskalkulie nicht ganz klar

Die Ursachen für das mangelnde Zahlenverständnis sind bislang noch nicht ausreichend erforscht. Doch auch hier gehen Experten von einer genetischen Disposition aus. Denn wie auch die Legasthenie kommt die Dyskalkulie gehäuft in Familien vor. Um mathematische Aufgaben zu erfassen und zu lösen, müssen mehrere Gehirnregionen zusammenarbeiten. Studien deuten an, dass bei Dyskalkulikern eine bestimmte Region im Hirn untypisch funktioniert. Doch das Zusammenwirken der einzelnen Hirnregionen ist noch unzureichend bekannt.

Dyskalkulie verwächst sich nicht. Auch mit zunehmendem Alter bleiben die Schwierigkeiten die gleichen. So ist davon auszugehen, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung an Dyskalkulie leiden. Das Legasthenie-Zentrum Stuttgart bietet auf der Internetseite mehrere Fragebögen, um einzuordnen, ob ein Kind zu einem Test sollte.

Auch Dyskalkulie ist mittels Lerntherapie überwindbar. Dabei lernt der Betroffene Schritt für Schritt die Bedeutung von Zahlen und Mengen und den Umgang mit Rechenaufgaben.

Das Kind unterstützen

Egal ob bei Legasthenie oder Dyskalkulie: Das betroffene Kind braucht den Rückhalt seiner Eltern. Für die Eltern ist es vor allem wichtig, das Kind moralisch zu unterstützen. Der Druck sollte komplett raus genommen werden. Wichtig ist es außerdem, dem betroffenen Kind zu zeigen, dass es keinesfalls alleine mit seiner Einschränkung ist und dass es kein Beinbruch ist. Eltern können in Absprache mit den Lehrern und dem behandelnden Therapeuten Übungen zu Hause durchführen. Das sollten sie aber nur tun, wenn dadurch das Verhältnis zum Kind nicht leidet. Kommt es zu Wutausbrüchen oder Tränen, ist es nicht der richtige Weg dem Kind zu helfen.

In Absprache mit der Schule können Legastheniker mehr Zeit für Prüfungen oder andere Regeln für Deutschaufsätze bekommen. Die Erlässe sind allerdings je nach Bundesland verschieden. Die Schule beziehungsweise auch das örtliche Jugendamt kann bei Fragen beratend zur Seite stehen. Außerdem informiert der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie Eltern und Lehrer über die Lernstörungen.

Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

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