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Afantasie: Wenn das innere Auge blind ist

Kommentar schreiben Montag, 19. Februar 2018
Das innere Auge bleibt schwarz: Bei Afantasie können sich Betroffene nichts bildlich vorstellen – weder die Handlung eines Romans, noch das Innere der eigenen Wohnung oder das Gesicht des Partners. Häufig bleibt die Störung bis ins Erwachsenenalter unbemerkt. Zwischenmenschliche Beziehungen können unter der fehlenden Vorstellungskraft leiden. Erfahren Sie im Artikel mehr über Afantasie und Vorstellungskraft.  „Phantasie (ist die) Produktionskraft des Bewusstseins, als eine besondere Verarbeitungsform der Wirklichkeit.“ So lautet eine Definition für Fantasie. Die gänzliche Abwesenheit der Vorstellungskraft bezeichnen Psychologen und Ärzte inzwischen als Afantasie. Der Begriff wurde erst vor etwa 10 Jahren geprägt. Der Neurologe Adam Zeman von der Universität Exeter in Großbritannien forscht normalerweise an Schlaf- und Gedächtnisstörungen. Ein Patient brachte ihn dazu die Abwesenheit von Fantasie genauer zu betrachten. Nach einem Unfall verlor der Mann sein ‚inneres Auge‘ und war nicht mehr in der Lage sich Dinge, Gesichter oder Vorgänge bildlich vorzustellen. Das Krankheitsbild war bis dato unbekannt. Normalerweise durchstreifen Menschen mit dem Geist Fantasiewelten: Egal ob beim Abgleiten in Tagträume, beim Durchleben verschiedener Szenen und Gespräche vor dem Einschlafen oder bei kreativen Schöpfungsprozessen, das geistige Auge malt sich Szenen mehr oder weniger lebhaft aus.

Afantasie: Was ist die Ursache für das Fehlen der Vorstellungskraft?

Bei Menschen, die unter Afantasie leiden, ist das nicht der Fall. Das innere Auge bleibt schwarz. Warum das so ist, ist bis heute noch nicht klar. Das Themengebiet ist bislang nur spärlich erforscht. Vermutlich fehlen bei Menschen mit nicht vorhandener Vorstellungskraft wichtige Verbindungen im Gehirn. Wird eine Person gebeten sich etwas vorzustellen, wird ein Netzwerk aus verschiedenen Abschnitten des Gehirns aktiv. Untersuchungen bei einem Patienten mit Afantasie haben gezeigt, dass die Hirnregionen, die für visuelle Verarbeitung zuständig sind bei ihm stumm bleiben. Auch bei der Bitte sich etwas vorzustellen ploppt kein Bild im Kopf auf. Afantasie kann von Geburt an Auftreten. Betroffen halten dann Floskeln wie „sich etwas bildlich vorstellen“ für Metaphern. Es dauert häufig bis ins Erwachsenenalter, bis ihnen bewusst wird, dass sie anders funktionieren als andere. Doch auch in Folge eines Unfalls, eines Traumas oder eines Schlaganfalls kann die Vorstellungskraft zum Teil oder in Gänze verloren gehen.

Leide ich an Afantasie? Ein Test kann helfen

Die Vorstellungskraft ist von Mensch zu Mensch verschieden. Sowohl Veranlagung als auch die Förderung in der Kindheit und Jugend nehmen Einfluss auf das Ausmaß der Fantasie. Bittet man eine Peron, sich einen Bleistift vorzustellen, haben die meisten ein genaues Bild von einem Stift vor sich. Ist das Bild verschwommen und nicht klar, ist das ein Zeichen für etwas geringere Vorstellungskraft, hat der Stift etliche Details und sieht aus wie im wahren Leben, spricht das für eine ausgeprägte Fantasie. Ein Test, um herauszufinden, ob das innere Auge aktiv ist, kann einfach geschehen. Man stellt sich das eigene Zuhause vor und zählt im Geiste die Fenster. Normalerweise erscheinen die Räume vor dem Geist und man fliegt durch die Zimmer. Eine Person mit Afantasie kann diese imaginäre Reise nicht antreten. Anhand von Fakten und angesammeltem Wissen wird es ihr vermutlich möglich sein, die ungefähre Zahl der Fenster anzugeben.

Fehlende Vorstellungskraft: Die Auswirkungen auf den Alltag

Auch wenn Personen ohne Vorstellungsvermögen gesundheitlich nichts fehlt, können sich Einschränkungen im Alltag ergeben. Ein Betroffener berichtet, dass er sich nicht an seine Hochzeit erinnern kann. Das Datum, der Name des Festraumes und die Tatsache, dass seine Frau umwerfend aussah – diese Fakten sind ihm bewusst, eine bildhafte Erinnerung fehlt allerdings. Betroffene verlaufen sich häufig in gewohnten Umgebungen. Ihnen fehlt die Vorstellungskraft, was um die nächste Ecke liegt und einfache Wege können sie sich nicht merken. Im Supermarkt müssen sie auf der Suche nach einem Produkt alle Gänge ablaufen – das Wissen darüber, wo Brot, Nudeln und Co. sind, fehlt. Dass durch die Studie von Adam Zeman seine Störung einen Namen hat, erleichtert die Sache. Wird weiter an dem Themengebiet geforscht können Kinder mit Afantasie besser gefördert werden. Etwa einer von 50 Teilnehmer einer Umfrage zum Thema Vorstellungskraft weisen Anzeichen für Afantasie auf – die Störung kommt damit deutlich häufiger vor als zunächst angenommen.

Eine blühende Vorstellungskraft: Hyperfantasie

Das Gegenteil der Afantasie nennt der Forscher Hyperfantasie. Betroffene können dabei extrem detaillierte und lebhafte Bilder in ihrem Geist hervorrufen. Gerade Künstler, Autoren und Menschen in kreativen Berufen profitieren von der gesteigerten Vorstellungskraft. Die Fähigkeit, sich ein Endergebnis visuell vorzustellen und dann an der Umsetzung zu arbeiten ist eine vorteilhafte Fähigkeit in einigen Berufsfeldern. Doch auch Menschen ohne Vorstellungskraft haben in kreativen Feldern Erfolg: Sie entwickeln andere Möglichkeiten und Wege zu einem Ergebnis zu kommen – ganz ohne geistige Visualisierung.

Die Vorstellungskraft verbessern: Welche Methoden gibt es?

„Phantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt, Phantasie aber umfasst die ganze Welt.“ Dieses Zitat von Albert Einstein zeigt die Bedeutung von Vorstellungskraft und Fantasie. Ist die Vorstellungskraft eher gering ausgeprägt - ohne dass eine Afantasie vorliegt - kann die mentale Fähigkeit der Visualisierung verbessert werden. Wie beim Sport kann die Vorstellungskraft durch regelmäßiges Üben immer stärker werden. Dazu reicht es aus sich jeden Tag einen bestimmten Gegenstand, eine Melodie oder einen Geruch bei geschlossenen Augen vorzustellen. Ist das Objekt irgendwann klar und deutlich vor dem inneren Auge zu erkennen, können Sie die Variablen ändern: Lassen Sie den Gegenstand größer oder kleiner werden, verändern Sie Farbe, Beschaffenheit oder Form. Lassen Sie die Melodie lauter oder leiser werden, verzerren Sie den Ton oder variieren Sie die Geschwindigkeit. Mit der Zeit fällt es leichter sich das Objekt vorzustellen und auch das Spiel mit den Variablen geht irgendwann einfacher von der Hand. Positiver Nebeneffekt: Das Gedankenspiel kann nach einiger Übung entspannend wirken.
Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

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