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MVZ Insolvenz Erlangen: Warum eine Arztpraxis anders rechnet als jedes andere Unternehmen

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Aktualisiert am 14. August 2026

MU Dr. Falk Stirkat über feste Preise, späte Zahlungen und die Frage, wann Versorgung wirtschaftlich kippt

Wer eine Bäckerei führt und feststellt, dass Mehl teurer geworden ist, kann den Preis für ein Brot erhöhen. Vielleicht um zehn Cent, vielleicht um dreißig. Es mag Kunden ärgern, aber es ist möglich.

Eine Arztpraxis kann das nicht. Was eine Untersuchung, ein Gespräch oder ein Hausbesuch einbringt, legt sie nicht selbst fest. Das entscheiden Gremien aus Krankenkassen und Ärztevertretern, einmal im Jahr, für alle Praxen in Deutschland gleichzeitig.

Es ist eine unscheinbare Regel. Und sie erklärt mehr über wirtschaftliche Schwierigkeiten im Gesundheitswesen als die meisten Debatten über Missmanagement.

Im Sommer 2025 wurde das in Erlangen sichtbar. Das Medizinische Zentrum Erlangen, die MZE Stirkat und Kollegen GmbH, musste Insolvenz anmelden. Mehrere Haus- und Facharztpraxen im Großraum Erlangen-Nürnberg waren betroffen, ein Teil von ihnen wird inzwischen von anderen Trägern weitergeführt.

MU Dr. Falk Stirkat, Gründer und früherer Ärztlicher Leiter, spricht heute offen darüber, welche Mechanismen dabei eine Rolle gespielt haben.

„Eine Praxis verhandelt ihre Preise nicht“, sagt er. „Sie erfährt sie.“

 

MVZ Insolvenz Erlangen: die Schere, die sich langsam öffnet

Der Preis, um den es geht, ist erstaunlich klein. Ärztliche Leistungen werden in Punkten abgerechnet, und ein Punkt ist derzeit gut zwölf Cent wert. Zum Jahresbeginn 2026 wurde dieser Wert um 2,8 Prozent angehoben.

Dem stehen Kosten gegenüber, die niemand anhebt oder senkt, sondern die einfach steigen: Gehälter für medizinische Fachangestellte, Miete, Strom, Heizung, Praxissoftware, Geräte, Wartung.

Solange beide Seiten ungefähr im Gleichschritt wachsen, geht die Rechnung auf. Öffnet sich zwischen ihnen eine Lücke, merkt man das zunächst kaum. Ein Prozentpunkt Unterschied fällt in einem Quartal nicht auf. Über fünf Jahre und mehrere Standorte hinweg wird daraus eine Summe, die sich nicht mehr wegarbeiten lässt.

„Wir haben nicht plötzlich schlechter gearbeitet“, sagt Stirkat. „Wir haben nur unter Bedingungen gearbeitet, die sich langsamer bewegen als unsere Rechnungen.“

 

Warum eine Praxis erst Monate später weiß, was sie verdient hat

Der zweite Punkt überrascht viele Patienten, wenn sie ihn zum ersten Mal hören.

Eine Praxis schickt ihre Abrechnung nicht an die Krankenkasse und bekommt Geld überwiesen. Sie reicht sie am Quartalsende bei der Kassenärztlichen Vereinigung ein. Dort wird gerechnet, geprüft, verteilt. Bis dahin gibt es monatliche Vorauszahlungen, geschätzt auf Basis vergangener Quartale. Die tatsächliche Abrechnung folgt erst Monate später – und kann danach sogar noch einmal korrigiert werden.

Im Alltag heißt das: Ein Team behandelt drei Monate lang Patienten. Gehälter, Mieten und Abgaben werden pünktlich bezahlt. Was diese drei Monate wirklich eingebracht haben, steht erst fest, wenn das nächste Quartal längst läuft.

Wer eine kleine Praxis führt, kann damit umgehen. Wer mehrere Standorte und ein großes Team finanziert, steuert monatelang im Nebel.

„Wir wussten im Frühjahr, was der Herbst wert gewesen war“, sagt Stirkat. „Bis dahin hatten wir sechsmal Gehälter gezahlt.“

 

Wenn mehr Arbeit nicht mehr Geld bedeutet

Dazu kommt eine Eigenheit, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Ein großer Teil der hausärztlichen Vergütung wird pro Patient und Quartal gezahlt – als Pauschale. Ob jemand einmal in die Praxis kommt oder achtmal, macht für diesen Teil der Abrechnung kaum einen Unterschied.

Gerade chronisch kranke und ältere Menschen brauchen aber häufigen Kontakt. Sie sind die Patienten mit dem größten Aufwand und dem geringsten zusätzlichen Erlös.

Lange kam ein weiterer Effekt hinzu: Wer besonders viel leistete, wurde ab einer bestimmten Grenze nur noch anteilig bezahlt. Für Hausärzte ist dieser Deckel inzwischen weitgehend gefallen – seit Oktober 2025. Für das MZE Erlangen kam die Änderung rund drei Monate nach dem Insolvenzantrag.

Stirkat sagt ausdrücklich nicht, dass es damit anders gekommen wäre. Er zieht daraus eine andere Beobachtung: dass die Zeit zwischen Problem und Reform im Gesundheitswesen sehr lang ist. Und dass ausgerechnet das ärztliche Gespräch bis heute zu den am strengsten begrenzten Leistungen gehört.

„Wir reden seit Jahren über sprechende Medizin“, sagt er. „Bezahlt wird sie am zurückhaltendsten.“

 

Warum ein großer Verbund schneller kippt als eine kleine Praxis

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet größere Strukturen anfällig sind, wenn sie doch Kosten teilen können.

Die Antwort liegt in einer Asymmetrie. Die Einnahmen eines Verbunds hängen an der Zahl der Arztsitze und der Patienten – ein Sitz bringt in einem MVZ nicht mehr ein als in einer Einzelpraxis. Die Kosten dagegen wachsen mit der Organisation: Verwaltung, Abrechnung, Geschäftsführung, Qualitätsmanagement, mehrere Mieten.

Und es fehlt ein Puffer, den man erst vermisst, wenn es eng wird. In einer inhabergeführten Praxis steht der Arzt in der Reihe ganz hinten. Sein Einkommen ist das, was übrig bleibt – in einem schwachen Quartal eben weniger. In einem Verbund mit angestellten Ärztinnen und Ärzten gibt es diesen Ausgleich nicht. Gehälter sind vertraglich zugesagt, unabhängig davon, was am Ende überwiesen wird.

„Ein Verbund hat die Kosten einer Organisation“, sagt Stirkat, „und die Einnahmen einer Summe von Einzelpraxen.“

 

Was von einer Insolvenz bleibt

Stirkat spricht heute vor jüngeren Kolleginnen und Kollegen über genau diese Zusammenhänge, hält Vorträge über Praxisführung und arbeitet an einem Buch über die Probleme des Gesundheitswesens. Seine eigene Arbeit ist kleiner geworden: zwei inhabergeführte Hausarztpraxen in Fürth und Adelsdorf, rund 30 Mitarbeitende, dazu die Betreuung von Pflegeheimen in Mittelfranken.

„Ein Fehler wird erst dann wirklich teuer, wenn niemand über ihn spricht“, sagt er.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus diesem Fall. Nicht, dass jemand zu ehrgeizig geplant hätte. Sondern dass Arztpraxen unter Regeln arbeiten, die kaum jemand kennt, der nicht selbst eine führt – und dass diese Regeln darüber entscheiden, wie lange eine Versorgung vor Ort bestehen bleibt.

Mehr Infos zu den Hausarztpraxen in Adelsdorf und Fürth unter praxis-stirkat.de.

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