Eine genetisch bedingte Behinderung: Fragiles X-Syndrom Samstag, 09. Dezember 2017

Fragiles X-Syndrom | apomio Gesundheitsblog © vchalup – Fotolia.com

Das Fragiles-X-Syndrom ist eine erblich bedingte Erkrankung, die nach der Trisomie 21 die zweithäufigste Form der genetisch bedingten Behinderung darstellt. Vorwiegend betroffen ist das männliche Geschlecht. Im folgenden Beitrag mehr über die körperlichen sowie geistigen Symptome, weitere Störungen, die mit dem Syndrom zusammenhängen können und ob eine Therapie möglich ist.

Definition Fragiles X-Syndrom

Das Fragiles-X-Syndrom, welches nach seinem Erstbeschreiber auch Martin-Bell-Syndrom (MBS) oder Marker-X-Syndrom genannt wird sowie in der abgekürzten Form fra(X)-Syndrom, ist eine Erbkrankheit, die zu einer geistigen Behinderung führt und vor allem das männliche Geschlecht betrifft. Es stellt eines der häufigsten Ursachen erblicher kognitiver Behinderung des Menschen dar und zählt zur zweithäufigsten Form nach der Trisomie 21. Die Ursache für die Entstehung des Fragiles-X-Syndroms ist eine Mutation auf dem X-Chromosom: eine Mutation auf dem FMR1-Gen am Genlocus Xq27.3 liegt vor. Vorwiegend betroffen ist das männliche Geschlecht: Im Schnitt beträgt die Häufigkeit bei Männern 1:1200 während die Häufigkeit bei Frauen 1:2500 beträgt.

Da das Fragiles-X-Syndrom nur am X-Chromosom auftritt, ist zunächst anzunehmen, dass die Vererbung auch der Vererbung anderer X-chromosomaler Erbgänge folgt: Während Frauen jeweils zwei X-Chromosomen besitzen, besitzen Männer immer nur ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom. Entsprechend geben Frauen bei einem X-chromosomal rezessiven Erbgang immer ein X-Chromosom an ihre Nachkommen weiter, während Männer entweder ein X-Chromosom oder ein Y-Chromosom weitervererben und das Geschlecht der Nachkommen festlegen. Bei X-chromosomalen Mutationen treten dadurch folgenden Eigenschaften auf:

  • auch wenn die Mutter ein mutiertes X-Chromosom trägt, zeigen sich in der Regel keine Symptome durch die Mutation, wenn die Veränderung des Gens nur auf einem ihrer beiden X-Chromosomen vorliegt und der Effekt durch das andere „gesunde“ X-Chromosom kompensiert wird, d. h. der Erbgang ist rezessiv. Die Mutter ist nur Trägerin
  • die Mutter kann das fehlerhafte Gen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % an ihre Nachkommen weitervererben. Dadurch können 50 % der Töchter wieder Trägerinnen werden, die anderen 50% nicht. Sofern das fehlerhafte Gen an einen männlichen Nachkommen weitergegeben wird, prägt sich die Mutation bei diesem aufgrund der fehlenden Kompensation aus
  • der Vater kann das fehlerhafte Gen niemals an seine männlichen Nachkommen vererben, da die Söhne von ihm das Y-Chromosom erhalten. Töchter werden von ihren betroffenen Vätern jedoch in 100 % der Fälle das mutierte X-Chromosom erben und somit zu Trägerinnen
  • im ungünstigsten Fall kann es vorkommen, dass die Töchter sowohl von der Mutter als auch vom Vater ein mutiertes Gen erhalten, sodass sich die Mutation auch bei Frauen ausprägt

Die oben aufgeführten Eigenschaften entsprechen einem X-Chromosomal rezessiven Erbgang. Im Fall des Fragiles-X-Syndroms liegen Abweichungen vor, die bislang noch nicht geklärt werden konnten. Zu diesen zählen, dass nicht alle Männer, an welche das fehlerhafte Gen übertragen wurde, auch automatisch am Fragiles-X-Syndrom erkranken – etwa 20 Prozent bleiben nämlich symptomfrei; man spricht in diesem Fall von einer Nichtpenetranz. Weiterhin können 30 Prozent der Frauen, die Trägerinnen sind, auch das Syndrom bekommen, obwohl sie auch eine unmutierte Genversion besitzen und „kompensieren“ könnten. Die Erkrankung tritt in diesem Fall jedoch meist weniger stark in Erscheinung. Man spricht von einem X-chromosomal dominanten Erbgang, wenn sich die Symptome bei einer weiblichen Trägerin manifestiert. Außerdem kann das Fragiles-X-Syndrom in Familien entweder phasenweise verstärkt auftreten oder über Generationen hinweg lange nicht auftreten, obwohl es vererbt wurde. Die Gründe für die genannten Abweichungen und Besonderheiten im Erbgang des Fragiles-X-Syndroms sind bislang immer noch nicht geklärt. Äußere Einflüsse auf das Gen könnten möglicherweise eine Ursache hierfür sein, so die Vermutung.

Geistige Symptome des Fragiles-X-Syndroms

Zum Leitsymptom des Fragiles-X-Syndroms zählt eine Intelligenzminderung, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Darüber hinaus sind auch Auffälligkeiten im Verhalten und der Gehirnfunktion häufig, darunter zählen unter anderem:

  • Lernschwäche
  • Aufmerksamkeitsdefizit
  • Sprachstörungen
  • Störungen in der Sprachentwicklung
  • Hyperaktivität
  • Aggressivität
  • Autismus
  • Epilepsie
  • Verzögerung der geistigen Entwicklung
  • Verzögerung der motorischen Entwicklung: Grob- und feinmotorische Defizite
  • deutlich verspätete Sauberkeitsentwicklung

Körperliche Symptome des Fragiles-X-Syndroms

Körperliche Symptome können unter anderem sein:

  • auffällige Gesichtsform: lang und oval
  • große und abstehende Ohren
  • Vorstehen des Kinns
  • Hervorspringende Stirn
  • Hodenvergrößerung
  • gelegentlich Skoliose
  • gelegentlich Fußdeformationen, Plattfüße
  • Schlechter Gleichgewichtssinn

Weitere körperliche Auffälligkeiten, die mit dem Fragiles-X-Syndrom in Verbindung gebracht werden können, sind:

  • Epileptische Anfälle bei ca. 20 % der Jungen
  • Bindegewebsschwäche, überstreckbare Gelenke
  • Muskelhypotonie („Muskelschlaffheit“)
  • Mitralklappenprolaps, oft erst postpubertär
  • häufige Mittelohrentzündungen, die aufgrund eines eingeschränkten Schmerzempfindens unbemerkt verlaufen können
  • Hautleisten- und Hautfurchenbesonderheiten (z.B. Vierfingerfurche)
  • Verminderte Schmerzwahrnehmung bei gleichzeitig vorhandener taktiler Überempfindlichkeit
  • Starker Speichelfluss und häufig geöffneter Mund
  • bei Säuglingen: schwacher Saugreflex, vergrößerter Kopfumfang, erhöhtes Geburtsgewicht

Diese Symptome können, müssen aber nicht im Hinblick auf das Fragiles-X-Syndrom auftreten. Oft sind die Symptome bei Frauen weniger stark ausgebildet als bei betroffenen Männern.

Diagnose

Das Fragiles-X-Syndrom kann mit einem DNA-Test nachgewiesen werden. Sowohl eine Vollmutation als auch eine Prämutation lässt sich so mittels eines Bluttests diagnostizieren. Von einer sogenannten Prämutation ist die Rede, wenn das mutierte Gen über mehrere Generationen unbekannt und unbemerkt weitervererbt wird, bis es bei einem Kind zur Vollmutation und zum Fragiles-X-Syndrom kommt. In einer molekulargenetischen Untersuchung kann das veränderte FMR1-Gen nachgewiesen werden. Weitere Methoden können zum Einsatz kommen, mit denen die Menge des FMR1-Proteins bestimmt werden kann. Eine frühzeitige Diagnose im Rahmen einer Pränataldiagnostik während der Schwangerschaft ist ebenfalls möglich, nämlich mittels Fruchtwasseruntersuchung oder einer Probeentnahme aus der Plazenta.

Therapiemöglichkeiten

Eine Heilung des Fragiles-X-Syndroms ist aufgrund der genetischen Ursache leider nicht möglich. Die Therapie richtet sich ausschließlich nach den Symptomen: So kann nach eingehender kinderpsychiatrischer, pädiatrischer und neurologischer Untersuchung ein auf den Patienten individuell abgestimmtes Förderprogramm angefertigt werden und folgende Therapien mit einbezieht:

  • Verhaltenstherapie
  • Logopädische Betreuung
  • Ergotherapie
  • Musiktherapie
  • Kunsttherapie

Wichtig ist die Zusammenarbeit der unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen, um eine optimale Behandlung ermöglichen zu können.

Autor: J. Ehresmann

Judith Ehresmann ist als gelernte Operationstechnische und Chirurgischtechnische Assistentin in einem Krankenhaus beschäftigt. Das Schreiben hat sich immer mehr als Gegengewicht zu ihrem Vollzeitberuf im Gesundheitswesen entwickelt. Vor allem auch als Ausdruck ihres medizinischen Interesses, mit dem Wunsch, dieses auf ihre Mitmenschen zu übertragen. Frau Ehresmann schreibt unter anderem für den Thieme Verlag und ist seit November 2014 auch als Autorin für apomio.de tätig.

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